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Kurzbericht zur Tagung „Islam auf dem Balkan: Muslimische Traditionen im lokalen, nationalen und transnationalen Kontext"

 

 

Studenten des orientalischen Seminars haben an der 55. internationalen Hochschulwoche der Akademie für politische Bildung teilgenommen, die vom 26. bis zum 30. September 2016 in Tutzing am Starnberger See stattfand. Unter dem Titel „Islam auf dem Balkan: Muslimische Traditionen im lokalen, nationalen und transnationalen Kontext“ hatte die Südosteuropa-Gesellschaft (http://www.sogde.org) ein umfangreiches Vortragsprogramm zusammengestellt. 31 Wissenschaftler diverser Disziplinen aus insgesamt 14 Ländern präsentierten ihre Forschungsarbeiten, darunter auch 11 Nachwuchswissenschaftler, die im Anschluss an die übrigen Vorträge die Gelegenheit hatten, in einem Kurzvortrag ihre aktuelle Dissertation oder Masterarbeit vorzustellen. Die Vorträge waren thematisch in Panels gruppiert, die folgende übergeordnete Themen behandelten:

 

  • Die Balkan-Muslime und der Islam in Europa
  • Islam, Staat und Politik
  • Pluralisierung und Transformation
  • Diversität, Identitäten und Debatten
  • Die Türkei: Innenpolitik und transnationale Verflechtungen
  • Religiöse Vergemeinschaftung unter Bedingungen der Transstaatlichkeit

 

Südosteuropa als der Teil Europas, in dem islamische und europäische Geschichte bereits seit Jahrhunderten dicht miteinander verwoben sind, ist im Zeitalter der Globalisierung in den Sog zahlreicher Veränderungsprozesse geraten. Die Heterogenität der ethnisch und sprachlich ohnehin vielfältigen muslimischen Bevölkerung auf dem Balkan hat seit dem Niedergang der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien und durch den zerrüttenden Bosnienkrieg weiter zugenommen. Fragen der Identität und Zugehörigkeit, nicht zuletzt auch der muslimischen Identität der neuen Generationen, werden noch immer verhandelt und unterliegen vielschichtigen Wandlungsprozessen. Dieser Vielschichtigkeit wurde durch die fachlich breit aufgestellte Hochschulwoche Rechnung getragen. Zudem basierten einige der vorgestellten Forschungsarbeiten auf intensiver Feldforschung in den entsprechenden Regionen sowie auf der Untersuchung der Exilsituation südosteuropäischer Muslime, sodass auch ein mikrogeschichtlicher Blickwinkel ermöglicht wurde. Denn während sich im Zuge der Bildung neuer Staaten auf dem Balkan starke politische und religiöse Akteure etabliert haben, die in einer komplexen Konstellation den öffentlichen Islamdiskurs und islamische Institutionen auf dem Balkan beeinflussen, finden auch eine große Menge subtiler Entwicklungen statt, etwa innerhalb von Familien oder kleineren städtischen und ländlichen Gemeinden. Welchen Einfluss haben Emigration und das Leben im westeuropäischen und türkischen Exil auf ausgewanderte Muslime aus Südosteuropa, und wie wirken Ihre Erfahrungen und ihr Identitätsverständnis zurück auf den Diskurs im Herkunftsland? Wie wandelt sich das Islamverständnis der Gläubigen und Gemeinden angesichts einer zunehmenden Transnationalisierung muslimischer Communities? Auch die Frage danach, ob der Glaube kollektiv oder individualisiert erlebt wird, und wie sich Islamverständnis und politische Identität angesichts ethnischer und politischer Spannungen zueinander verhalten, wurde in Vorträgen und den sich anschließenden Fragerunden erörtert. Die Entwicklung salafitischer Bewegungen auf dem Balkan, die verschiedenen Formen möglicher Radikalisierung und deren Verortung im gesamteuropäischen sicherheitspolitischen Diskurs bildeten ebenfalls einen Teil des Programms.

 

Die Tagung fand in ungezwungener, freundschaftlicher Atmosphäre statt und bot auch dank der guten Betreuung und Organisation viele Gelegenheiten des Austausches. Das wissenschaftliche Tagungsprogramm wurde durch eine Exkursion zur multikonfessionellen Moschee der Stadt Penzberg ergänzt, wo die Gäste vom örtlichen Imam Benjamin Idriz empfangen wurden und am Mittagsgebet teilhaben konnten. Abgeschlossen wurde die Hochschulwoche mit einem musikalischen Abend, an dem die bosnische Sevdalinka-Tradition präsentiert wurde.

 

Es war für uns eine einmalige Gelegenheit, uns umfassend über den Forschungsstand zum Islam auf dem Balkan zu informieren, und mit Ausblick auf den Starnberger See einer solchen Fülle von Vorträgen und Diskussionsrunden zu hochaktuellen Forschungsthemen beizuwohnen. Mit zahlreichen Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen persönlich in Kontakt zu kommen und sich als Student sowohl mit emeritierten Professoren als auch mit den vielen lehrtätigen Dozenten und Doktoranden über ihren Werdegang und ihre Forschung zu unterhalten, können wir als Teilnehmer jedem empfehlen. Es ist ganz gewiß lohnenswert, auch die kommenden internationalen Hochschulwochen und die vielen Veranstaltungen der Südosteuropa-Gesellschaft im Auge zu behalten.

 

A. Ulubay

 

V. Vaessen