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Digital Spring School

"Hispanische und iranische Communities in den USA vs. Migration in Deutschland: sprachliche und kulturelle Identitäten im Vergleich"

01.04.21 - 26.04.21

Prof. Amirpur // Prof. Adli

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich gelebte Multikulturalität und Identitätskonstruktionen von Personen mit divergierendem Migrationshintergrund im Alltag sprachlich und kulturell unterscheiden, wie sie wahrgenommen werden und welche Gründe für die jeweiligen Unterschiede Relevanz besitzen.

Mehr Infos auf der Website der Digital Spring School

Deadline für die Bewerbung ist der 25.3.2021

 

 

Identität und Zugehörigkeit am Beispiel von Personen mit iranischer Zuwanderungsgeschichte:
“Should I stay or should I go?“ - diese grundlegende Frage sei hier am Beispiel iranischer Communities aus einem kulturwissenschaftlichen Blickwinkel angerissen (sie stellt sich natürlich ebenfalls für die hispanischen Communities): Die Frage wird heute in iranischen Communities auf andere Weise beantwortet als in den 1980er oder 1990er Jahren. Folglich müssen sich im Bewusstsein und Selbstbewusstsein der Iraner*innen Veränderungen vollzogen haben, die zu einer neuen Beziehung zu ihren jeweiligen Aufenthaltsländern, zu Iran und zu ihren Landsleuten in aller Welt geführt haben.

Bei Betrachtung aktueller Produktionen von Filmen und Kunst von Menschen mit iranischer Abstammung qualifizieren Kritiker diese häufig als “diasporisch”, weil sie offensichtlich eine produktive Auseinandersetzung mit verschiedenen Einflüssen zum Ausdruck bringen und damit auf multiple Identifikationen verweisen.

Untersuchungen iranischer Communities in Nordamerika und Europa zeigen, dass der Prozess der Neupositionierung Hand in Hand mit den tatsächlichen sozialen und politischen Umfeldern und Situationen geht. Diese Neupositionierungen werden einerseits von der Art und Weise beeinflusst, wie die Mainstream-Gesellschaft mit Immigrant*innen und “Ausländer*innen” umgeht, und andererseits von ihrer Haltung gegenüber der Islamischen Republik Iran. Die Sehnsucht nach Iranianness ist ein konstanter prägender Faktor iranischer Communities. Formen und Vorstellungen darüber, was Iranianness ausmacht, ist Gegenstand von Verhandlungen, die dazu führen, dass neue und unterschiedliche Manifestationen iranischer Identitäten und Kultur entstehen. Dieses Wechselspiel von Kontinuität und Wandel wird besonders deutlich, wenn man die verschiedenen Einwanderer-Generationen betrachtet.

Die zweite und dritte Generation von Iraner*innen, die sich aus im Ausland aufgewachsenen Menschen zusammensetzt, ist aktuell für die Bildung von Identitäten der iranischen Communities von entscheidender Bedeutung. Ein Teil ihres Umgangs mit Ethnizität und iranischen Identitäten ist die Art und Weise, wie sie den bestehenden kulturellen “Bestand” aufgreifen und verhandeln, d.h. die Geschichten und die Geschichte der Migration, die Bruchlinien und das “Gepäck der Geschichte” - kurz gesagt, das kulturelle und historische Gedächtnis und Erbe der Generation, die das Land verließ, z.T. floh - und wie sie dies mit ihren eigenen und neuen Fragen, Herausforderungen und offensichtlichen Tatsachen des Lebens in Einklang bringen. Dieser Prozess des Verschmelzens von Einflüssen und Erfahrungen zeugt von der Kontinuität und dem Wandel innerhalb der iranischen Communities, der sich durch die Übernahme und Fortführung bereits existierender, erworbener Diskurse, kultureller Identitäten und Beziehungen sowie durch deren Ablehnung, Neubewertung und Neudefinition vollzieht.

Bis Anfang der 1990er Jahre kompensierte die erste Generation der Exil-Iraner*innen, die den revolutionären Umbruch 1979 miterlebt haben, ihre Sehnsucht nach dem Heimatland häufig durch die nostalgische Reproduktion dessen, was sie für authentische iranische Kultur hielten. Für diese Personen waren die Kulturen ihres Wohn- und Heimatlandes oft unvereinbare, sich gegenseitig ausschließende Zugehörigkeitsmodelle, die häufig in getrennten Sphären gelebt und praktiziert wurden - zum einen als öffentliche Persona in der Mainstream-Gesellschaft, zum anderen als authentische Person in der Privatsphäre der Heimat. Für viele Iraner*innen begann sich in den 1990er Jahren der provisorische Schwebezustand des Exils aufzulösen. Sie waren zunehmend empfänglich für die unmittelbaren, alltäglichen Lebensrealitäten und die Einflüsse ihrer neuen Heimat. Für Iraner in den USA beobachtete der Kulturwissenschaftler Hamid Naficy, dass Anfang der 1990er Jahre eine Verschiebung des Selbstverständnisses von "iranisch" zu "iranisch-amerikanisch" mit einem verstärkten politischen Engagement am neuen Lebensort einherging. Laut Naficy änderte sich dadurch der soziale Status der iranischen Bevölkerung von „Exilanten“, deren Leben sich um ein “verlorenes Heimatland” dreht, zu einer ethnischen Minderheit, was auf zusätzliche Ziele und Bedürfnisse hinweist, die koordiniert und vertreten werden müssen. Gleichzeitig bildete sich ein zusätzlicher Faktor heraus: sie wurden sich der Geschichte, der Schicksale und der Lebensumstände iranischer Landsleute bewusst, die andere westliche Länder und Städte zu ihrer Heimat gemacht hatten.

Heute, unterstützt durch die Online-Kommunikation mit Blogging-, Video- und Chatdiensten sowie in sozialen Netzwerken und Foren, kommuniziert eine immer größere Zahl von Menschen iranischer Abstammung miteinander und kommt so mit unterschiedlichen oder ähnlichen Erfahrungen und Formen des “Iranisch-Seins” oder “iranischen Lebens” außerhalb des Irans und in Iran in Kontakt. Damit bildet sich eine alternative iranische Landkarte heraus, die auch jenseits der Grenzen der Islamischen Republik Iran liegt und ihre Punkte auch entlang der West- und Ostküste der USA sowie in Toronto, Sydney und vielen europäischen Städten hat. Neben dem alten und dem neuen Heimatland bieten diese Kommunikationsnetzwerke und Beziehungen den teilnehmenden Iranern einen neuen und breiteren transnationalen Bezugs- und Identifikationsrahmen.